Rückblick

Fachkonferenz des Münchner Kreises zum Thema "UMTS - Großes Marktpotenzial mit vielen Unbekannten"

UMTS - Großes Marktpotenzial mit vielen Unbekannten

19.11.2001

Ein weltweites Marktpotenzial von 650 Milliarden DM sagen sie die Experten bis zu Jahr 2010 für den UMTS-Markt voraus. Davon werden rund 100 Milliarden DM (jeweils Jahresumsätze) auf Europa entfallen. UMTS ist der neue Standard für die dritte Mobilfunk-Generation.

Wie dieses Potenzial erfolgreich genutzt werden kann, darüber diskutierten Experten am 14. November auf einer Fachkonferenz des Münchner Kreises mit dem Titel "Märkte und Anwendungen für UMTS - Erfolgsfaktoren für eine europäische Innovationsführerschaft". Im Mittelpunkt der Konferenz stand nicht die Technik, sondern die Frage, wie die Geschäftsmodelle der Anbieter aussehen werden.

Ebenso wie das z.Z. gängige Mobilfunksystem GSM beruht auch UMTS auf einer europäischen Initiative. Auch hier sind die Europäer bemüht, diesem Standard wie bei GSM weltweite Geltung zu verschaffen.

Der neue Standard mit hohen Übertragungsgeschwindigkeiten (bis zu 2 Mbit/s im ferneren Entwicklungsstand, zunächst ist mit 384 kbit/s zu rechnen) eröffnet völlig neue Einsatzperspektiven, die weit über die heute verfügbaren Mobilfunkdienste hinausreichen. Den künftigen UMTS-Endgeräten, zu denen auch eine neue Handy-Generation gehören wird, steht in den kommenden Jahren ein breites Anwendungsspektrum zur Verfügung:
    

Mobiler und abgesicherter Zugang zu lokalen Netzwerken (LANs), virtuellen privaten Netzwerken (VPNs) und zum Internet.
    

Mobiler Zugriff auf individuell zusammengestellte Inhalte im Bereich von Information und Unterhaltung. Dabei handelt es sich um Dienste für den Konsumenten, z.B. Spiele, Wetten und Lotterien, aber auch für den Reisesektor, Veranstaltungen sowie der Kultur- und Bildungsbereich.
    

Multimedia Übertragungsdienste für den Konsumenten (z.B. Audio-/Video-Übertragungen) oder auch für geschlossene Benutzergruppen. Der Walkman im Handy ist keine Utopie mehr.
    

Mobiler Internetzugang mit hoher Übertragungsqualität einschließlich Email, SMS, Diskussionsportale, Dateitransfer und elektronische Geschäftsabwicklung, ferner Leistungen für geschlossene Benutzergruppen (z.B. Fernüberwachungen, Fernmessungen, Ferndiagnosen).
    

Standortbezogene Informationsdienste, zu denen regionale Auskunftsdienste, Nothilfe-Dienste sowie Navigationshilfen für Autofahrer gehören ("Location-Based Services").
    

Mehrwert-Sprachdienste wie Videotelefonie, Videokonferenzen, Internettelefonie sowie sprachgesteuerte Internetzugänge.

Im Unterschied zur heutigen GSM-Technik ist es also nicht ein dominanter Dienst, der Erfolg verspricht. Niemand kann heute exakt voraussagen, welche Dienste erfolgreich sein werden. Keiner der Experten sah eine "Killerapplikation", die alle anderen Dienste dominieren wird.

Die Anwendungspalette birgt ein enormes Potenzial für neue Dienste und Produkte, das auch neuen Unternehmen Chancen bietet, die sich auf bestimmte Segmente der Wertschöpfungskette spezialisieren wollen. Aber der Netzbetrieb wird komplizierter. Darauf verwies Prof. Dr. Peter Vary von der RWTH Aachen.

Zu den besonderen Rahmenbedingungen gehören die hohen Lizenzgebühren von ca. 16,5 Milliarden DM pro Lizenznehmer in Deutschland. Die sechs Netzbetreiber mussten insgesamt runde 100 Milliarden DM entrichten. Weitere 60 Milliarden DM, so eine Dibold-Schätzung, müssen in die Infrastruktur der Netze investiert werden. Dieser Kostenrahmen setzt die Betreiber unter hohen Erfolgsdruck, auch wenn gemeinsame Nutzungen der Infrastruktur durch die Netzbetreiber gewisse Erleichterungen schafft. Nach Einschätzung von Frank R. Rothauge vom Bankhaus Sal. Oppenheim liegt die Rentabilitätsschwelle für den einzelnen Netzbetreiber bei etwa acht Millionen Kunden, entsprechender Pro-Kopf-Umsatz vorausgesetzt. Das Londoner UMTS-Forum geht davon aus, dass in Europa bis zum Jahr 2010 ein monatlicher Umsatz von 45 - 65 EURO pro Kunde erreichbar ist.

Dafür müssen die notwendigen Voraussetzungen geschaffen werden. Andreas Bernhardt (Alcatel SEL) verwies neben einer klaren Einführungsplanung mit Feldversuchen auf die Notwendigkeit, dass frühzeitig geeignete Endgeräte für den Masseneinsatz zur Verfügung stehen müssen. Wichtig ist nach seiner Ansicht auch der sanfte Übergang von den heutigen Systemen der zweiten Mobilfunk-Generation auf die dritte Generation. Den Aufbau von UMTS-Netzen bezeichnete er als langfristige, aber lohnende Investition. Für den gleitenden Übergang auf UMTS liefern die verbesserten GMS-Techniken wie die Paket-Datenübermittlung (GPRS) und die Kanalbündelung (HSCSD) nach Auffassung von Prof. Dr. Peter Vary gute Voraussetzungen.

Ob der deutsche UMTS-Markt genügend Platz für sechs unabhängige Netzbetreiber bietet, wurde von Peter Wagner (Debitel AG) bezweifelt. Er empfahl deshalb, über ein entsprechendes Ausstiegsscenario nachzudenken.

Neben den technischen Voraussetzungen wurde auf der Konferenz die in der Anfangsphase angebotene Dienste-Palette als entscheidend herausgestellt. Attraktive Inhalte sind lt. Edgar Berger (Bertelsmann Content Network) das A und O des Erfolgs. Hier befindet sich nach seiner Ansicht ein Engpass bei den Mobilfunkanbietern. Dr. Marcus Englert (Kirch Intermedia) glaubt, dass der Unterhaltungssektor bei den UMTS-Diensten eine zentrale Rolle einnehmen wird.

Kundenorientierung wird dabei Trumpf sein. Deshalb meinte Prof. Dr. Hendrik Berndt (NTT-DoCoMo), dass es wichtig ist, das Diensteangebot auf die speziellen Bedürfnisse verschiedener Kundengruppen zuzuschneidern. Auf dieser Linie liegt auch das Plädoyer von Kaleve Kaartinen (Nokia), der empfiehlt, am Anfang weniger auf die Übertragungsgeschwindigkeit als auf die Nützlichkeit für den Kunden zu achten, d.h. sich zunächst auf Dienste zu konzentrieren, die den Kunden im Alltag helfen. Zur Kundenorientierung gehört auch die Benutzerfreundlichkeit. Dr. Werner Irler (Lucent Technologies) verlangt deshalb, dass auch die neuen komplexen Anwendungen vom Endkunden genauso einfach nutzbar sein müssen wie Sprache und Schrift, was entsprechende Betriebssoftware für die Endgeräte erfordert, die auf einer Vielzahl einfach bedienbarer Geräte lauffähig sein muss.

Kundenorientierung und Benutzerfreundlichkeit sind die eine Seite des Erfolgs von UMTS. Die andere Seite ist die Konzentration auf die erlösrelevanten Anwendungen. Einen Überblick über die zu erwartenden Erlösstrukturen gab Dr. Thomas Sidenbladh (UMTS-Forum): Rund 65 % der Erlöse werden weltweit aus dem Konsumsektor kommen, wobei der gezielte Abruf von Diensten aus Information und Unterhaltung (Customised Infotainment) die meisten Chancen bietet. Einnahmen aus nicht sprachlichen Diensten werden die Sprachdienste bereits im Jahr 2004 überflügeln und 2010 rund zwei Drittel der UMTS-Dienste ausmachen. In Europa werden die reinen Sprachdienste im Jahre 2010 rund 27 % der Erlöse bestreiten. Ähnlich groß werden die Erlöse aus "Customised Infotainment" sein. Etwa 16 % werden auf die mobile Nutzung von Intranet-/Extranet-Anwendungen entfallen. Damit sind 71 % der Einnahmen - nahezu drei Viertel - aus diesen drei Bereichen zu erwarten. Das liefert deutliche Hinweise, wo der Schwerpunkt der Investitionen liegen muss.

Weitgehende Einigkeit herrschte unter den Experten, dass UMTS nur dann ein Markterfolg werden kann, wenn Netzbetreiber, Endgerätehersteller, Infrastrukturausrüster sowie die Anbieter von Diensten und Inhalten miteinander kooperieren. Für viele Unternehmen, die im UMTS-Markt aktiv werden wollen, wird das eine Neugestaltung ihrer Geschäftsmodelle erfordern.

In die Betrachtungen über die Zukunft von UMTS mischten sich auch skeptische Stimmen. Dr. Michael Salmony von der DZ Bank verwies auf die sehr unterschiedlichen Wettbewerbsbedingungen in den europäischen Staaten, die durch stark divergierende Lizenzbedingungen - bis hin zur kostenfreien Vergabe - entstanden sind. Dr. Reino Paasilinna als Mitglied des Europäischen Parlaments beklagte in diesem Zusammenhang die mangelnde Solidarität unter den Mitgliedsstaaten. Angesichts der Tatsache, dass die mobile Telekommunikation der einzige IT-Sektor sei, wo Europa ein Vorsprung gegenüber den USA habe, sei das sehr bedauerlich.

Matthias Schröter (T-Mobil) vergleicht die Entwicklung bei UMTS mit einer emotionalen Fieberkurve, die drei Phasen aufweist: 1. Euphorie ("plötzliche Hype"), 2. Ernüchterung und Skepsis ("Skeptizismus maximus"), 3. Versachlichung mit Blick auf künftige Chancen ("Substanz gewinnt").

Ungeachtet von Euphorie und Skeptik geht auf der britischen Insel Isle of Man das erste UMTS-Netz Europas an den Start. Die Lieferanten Siemens und NEC sowie die Betreiber Manx Telecom/British Telecom werden bei diesem Pilotprojekt ihre ersten praktischen Erfahrungen sammeln. - Skeptiker seien überdies an einen Ausspruch erinnert, der dem britischen Physiker William Lord Kelvin zugeschrieben wird. Er soll 1897 gesagt haben: "Das Radio hat absolut keine Zukunft."

Benedikt Jerusalem

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