Rückblick

Weiterbildung ist ein Wettbewerbsfaktor - Münchner Kreis diskutierte "eLearning"

Weiterbildung ist ein Wettbewerbsfaktor - Münchner Kreis diskutierte "eLearning"

23.09.2002

Für Kommunikationsingenieure ist die Fort- und Weiterbildung eine zentrale Herausforderung. Sie kann sowohl die technische Weiterbildung betreffen wie auch die der Softskills oder anderer Managementfertigkeiten. Der neue IfKom-Bundesvorstand überlegt sich daher, wie Kommunikationsingenieuren geeignete Angebote zur freiwilligen Weiterbildung bereitgestellt werden können. Viele IfKom-Bezirke und Landesverbände sind hier bereits aktiv, die unterstützt und koordiniert werden sollen.

Der Erfolg von Unternehmen steckt in den Köpfen ihrer Mitarbeiter, im Wissen über Produkte, Verfahren und Zusammenhänge. Die Dynamik des Wettbewerbs sowie die Tatsache, daß ein Land wie Deutschland kaum über natürliche Wirtschaftsressourcen verfügt, machen die betriebliche und freiwillige Weiterbildung der Mitarbeiter zur strategischen Aufgabe. eLearning als Oberbegriff für die Nutzung multimedialer Formen elektronisch vermittelter Bildungsinhalte wird heute zunehmend als Schlüssel zur Lösung dieser Aufgabe gesehen.

Für den Münchner Kreis war dies Anlaß, in einer Fachkonferenz den aktuellen Stand des Einsatzes von eLearning in Unternehmen zu analysieren und zu diskutieren: "eLearning in Unternehmen - Neue Wege für Training und Weiterbildung" lautete das Thema der Veranstaltung, die am 20. September 2002 in München abgehalten wurde.

Die hohe Aktualität von eLearning ergibt sich aus dem Zwang zu effizienter Wissensvermittlung, um dem raschen Fortschreiten des Wissens und seiner kurzen Halbwertzeit auf den Fersen zu bleiben. Die Basisphilosophie des eLearning lautet: "Überall - zu jeder Zeit", d.h. seine Unabhängigkeit von Raum und Zeit, mit der Personen ihre Aus- und Weiterbildung am PC - online oder offline - betreiben können. Begriffe wie das "virtuelle Klassenzimmer" skizzieren das neue Bildungsszenario. Zugleich wird eLearning als ein wirksames Mittel gesehen, den hohen Kosten, der starken Ressourcenbindung und dem enormen Zeitaufwand für traditionelle Weiterbildungsmaßnahmen zu begegnen.

"Die elektronischen Medien bieten hier Abhilfe", erklärte Professor Jörg Eberspächer, Vorstandsmitglied des Münchner Kreis. "Sie erlauben bei optimiertem Einsatz nicht nur eine vereinfachte Vervielfältigung von Inhalten und - mittels der modernen Netztechnologien - ihren Transport an nahezu beliebige Punkte der Erde, sondern sie erlauben durch die Möglichkeit asynchronen Lernens eine zeitliche Entkoppelung von Wissensvermittlung und Wissensaufnahme. Neue Formen der Präsentation werden möglich und bezahlbar." Und Tagungsleiter Professor Michael Dowling (Univ. Regensburg) verwies in dem Zusammenhang auf empirische Untersuchungen in den USA, wonach "relativ niedrige Investitionen in eLearning-Systeme zu hohen Renditen in Form verringerter Reisekosten, Gemeinkosten und Kundendienstkosten führten."

Von einem optimierten Einsatz ist die Praxis allerdings noch um einiges entfernt. "Die Anfangseuphorie ist einer Ernüchterung gewichen," kommentiert Professor Heinz Mandl (Univ. München) die Situation. Dennoch wird eLearning bereits in zahlreichen Großunternehmen und auch an einigen deutschen Hochschulen praktiziert. Nach einer Untersuchung, die das Institut für Innovationsforschung und Technologiemanagement der Universität München (Leitung: Prof. Dietmar Harhoff) im vergangenen Jahr bei C-Dax-Unternehmen durchführte, gab ein Drittel der 284 beteiligten Firmen an, daß sie mit elektronischen Weiterbildungsmaßnahmen arbeiten. Bei diesen Maßnahmen handelte es sich allerdings zu 90% um Computer Based Training (CBT), das schon seit längerem verwendet wird. Beim Web Based Training (WBT), d.h. der Nutzung des Internets, wie auch beim Einsatz von Schulungsvideos ergab sich eine Einsatzquote von jeweils 62%. Hingegen wurde das "virtuelle Klassenzimmer" und auch das "Business TV" nur von 20% der Befragten eingesetzt.

Als die fortgeschrittensten eLearner erwiesen sich vor allem größere Unternehmen, die über einen höheren Weiterbildungsetat verfügen, allen voran die beratungsintensiven Finanzdienstleister (Banken, Versicherungen), aber auch die Chemiebranche. Bei diesen Unternehmen hat die elektronische Weiterbildung bereits die klassische Präsenzveranstaltung überholt.

Eine umfangreiche eLearning-Palette bieten auch internationale Großkonzerne. Über ein weltweites Produkttraining, das sowohl Mitarbeiter als auch Kunden umfaßt, berichtete Dr. Jürgen Polster (Siemens I and C Training Institute). Bei der 1999 gegründeten "Alcatel Academy" wurde das globale Weiterbildungsangebot im vergangenen Jahr um das auf eLearning ausgerichtete "Virtual Campus" ergänzt. Hans-Peter Stein (Alcatel SEL AG) verwies dabei auf die Erschwernisse für die Schaffung einheitlicher Lösungen, die durch Unterschiede in den Kulturen, Bildungssystemen, Gesetzesrahmen und dem Managementverständnis hervorgerufen werden.

Einen weltweiten Ansatz, der über das normale eLearning hinausgeht, präsentierte Ashley Wheaton (Microsoft) mit seiner "Skill Analysis", mit deren Hilfe das weltweite Fachwissen der Mitarbeiter über das Netz aktiviert werden soll.

Hauptzielgruppen für elektronische Weiterbildungsmaßnahmen sind Angestellte und mittleres Management. Inhaltlich dominieren fachspezifische Themen sowie die EDV- Kompetenz. Bei der EDV geht es nicht zuletzt um die richtige und effiziente Nutzung moderner Softwaretechnologien, die ein Unternehmen entlang seiner Wertschöpfungskette unterstützen. Welche Formen der Online-Unterstützung da heute schon erfolgreich praktiziert werden, beschrieb Alexander Artopé (datango AG).

Die Erwartungen, die an die Nutzung der elektronischen Medien geknüpft werden (erhöhte Verfügbarkeit, verstärktes Selbstlernen, Zeit- und Kostenersparnis) wurden jedoch in den befragten C-Dax-Unternehmen nur mittelmäßig erfüllt. Als wesentliche Hemmfaktoren erwiesen sich neben den hohen Einführungskosten vor allem die mangelnde Akzeptanz bei den Mitarbeitern sowie ein unzureichendes externes Angebot an praktikablen Lösungen.

Akzeptanzprobleme bestehen insbesondere auch bei kleinen und mittleren Unternehmen (KMU). Mit deren Überwindung setzten sich auf der Fachkonferenz Andreas Buchner (Communication GmbH) und Dieter Lanz (guru netservices) auseinander. Buchner verwies auf das unzureichende Problembewußtsein. Es dominiere noch die Vorstellung von "unnötigen Kostensteigerungen" und die Sorge um den Produktivitätsausfall, den Weiterbildungsmaßnahmen erzeugen. Demzufolge müsse den KMUs noch der Mehrwert erläutert werden, den eLearning bietet. Dieter Lanz plädierte für eine "Netzakademie" als geeignete Plattform, die den KMUs einen steten und kostengünstigen Zugang eröffne.

Zur Akzeptanz elektronischer Lernformen bei den Mitarbeitern führte das Münchner Institut für Informationsforschung und Technologiemanagement zusammen mit der Firma Cognos Mitte dieses Jahres eine Befragung durch: Weiterhin erwies sich Computer Based Training (CBT) als die meistgenutzte Lernform. 43 % der Befragten setzen CBT mindestens einmal im Jahr ein. Aber drei Viertel möchten wegen der Verfügbarkeit eines Ansprechpartners auch in Zukunft nicht auf das Präsenztraining verzichten. Wichtig ist vielen Mitarbeitern, daß die Zeit für elektronisches Lernen als Arbeitszeit anerkannt wird. Andererseits wird aber auch betont, daß sich der Arbeitsplatz für ungestörtes Lernen schlecht eigne. Online-Lerner, so ergab eine Studie der Bertelsmann-Stiftung in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Volkshochschul-Verband, wollen vorzugsweise zu hause lernen, dabei aber nicht auf Betreuung verzichten.

In der Betreuung liegt nach Ansicht von Professor Firoz Kaderali (Fernuniversität Hagen) ohnehin die Zukunft erfolgreichen eLearnings, vorausgesetzt, daß effiziente Werkzeuge und gute multimediale Lehrmaterialien existieren. An guten Lerninhalten wie auch an einheitlichen und hochwertigen Lernplattformen herrscht aber nach Ansicht von Professor Jörg Eberspächer noch beträchtlicher Mangel. Mehr Produzenten und erhöhte Produktivität seien notwendig. Die Wirtschaft bemängele hier auch die unzureichende Aktivität der Hochschulen.

Über die eLearning-Aktivitäten der Hochschulen gab es auf der Konferenz einige Berichte: Professor Dodo zu Knyphausen-Aufseß (Univ. Bamberg) sah für die deutschen Universitäten die Chance, sich mit eLearning im wechselseitigen Wettbewerb zu positionieren. Dazu aber sei es erforderlich, daß die Hochschulen die auf Vorlesungen basierende Lehrtradition verändern. Erste Ansätze, eLearning in den Hochschulbetrieb zu integrieren, sind bereits vorhanden: So bieten die Universitäten Bamberg und Essen unter Beteiligung der Universität Erlangen-Nürnberg einen "Virtuellen Weiterbildungsstudiengang Wirtschaftsinformatik" (VAWi) an, den Professor Otto K. Ferstl (Univ. Bamberg) erläuterte. Einen Studiengang "Informations- und Kommunikationstechnik" gibt es an der Fernuniversität Hagen. Im Rahmen eines Programms der Bundesregierung "Zukunftsinitiative Hochschule" wurden 12 Projekte ausgewählt, die sich mit dem verstärkten Einsatz von Notebooks im Rahmen des Lehrbetriebs befassen.

Mit den Möglichkeiten einer engeren Kooperation zwischen der Wirtschaft und den Hochschulen befaßte sich Professor Firoz Kaderali (Fernuniv. Hagen): Etliche Hochschulen entwickeln Softwarewerkzeuge, die bereits als frei verfügbare Produkte (Open Source) oder auf Lizenzbasis genutzt werden. Nicht bieten können sie allerdings aus personellen Gründen die Betreuung im Netz. Dr. Michael Wilker sieht jedoch gute Chancen für eine Kooperation zwischen den Hochschulen und kleineren privaten Anbietern von eLearning-Produkten, weil beide Seiten Potentiale und Defizite haben, die sich gegenseitig ergänzen: Während die privaten Anbieter über leistungsfähige und flexible Entwicklungsabteilungen verfügen, können die Hochschulen ein wesentlich umfangreicheres Reservoir an hochwertigen Lerninhalten liefern. Dieses Synergiepotential, so Wilker, sollte ausgeschöpft werden.

Alle Unternehmen, die sich mit dem Einsatz von eLearning befassen, stehen vor der Frage, wie sie das erfolgreich gestalten können und sehen sich It. F. Kaderali vor verschiedene Alternativen gestellt:
    

Eigenentwicklung
    

Kommerzielle Standardsoftware-Lösungen
    

Frei verfügbare Systeme (Open Source Lösung)
    

Inanspruchnahme von Dienstleistern (Application Service Provider - ASP)

Die Eigenentwicklung erlaubt zwar maßgeschneiderte Lösungen, ist aber sehr zeit- und kostenaufwendig. Man benötigt fachkundiges Personal und läuft Gefahr, das Rad neu zu erfinden. Vorgefertigte kommerzielle Lösungen verursachen Integrationsprobleme. Individuelle Wünsche müssen teuer bezahlt werden. Zudem droht die Abhängigkeit vom Anbieter. Open Source Lösungen sind am kostengünstigsten, es werden offene Standards verwendet. Jedoch fehlt es oft an der Unterstützung solcher Plattformen. Bei der Inanspruchnahme eines Diensteanbieters (ASP-Lösung) benötigt man nach Ansicht Kaderalis weder eigene Hardware, noch eigenes technisches Personal für den Betrieb und kann sich voll auf die Erstellung der Lehrmaterialien und die Betreuung der Studierenden konzentrieren. Die Lösung ist meistens kostengünstig, schränkt jedoch die Flexibilität in Bezug auf individuelle Funktionalitäten ein.

Hinsichtlich der Art und Weise, wie eLearning am sinnvollsten ausgeübt werden soll, herrschte auf der Fachkonferenz weitgehende Übereinstimmung, daß eine Mischung mit bekannten Weiterbildungsformen ("Blended Learning") die ideale Form darstellt, d.h. das virtuelle Klassenzimmer ergänzt das klassische Seminar. Das von Pr:ofessor Mandl vorgestellte Projekt "Knowledge Master" (in Zusammenarbeit mit Siemens) zeigte die Notwendigkeit der Verbindung von eLearning- und Präsenzphasen auf.

Trotz der Probleme, die das eLearning in seiner Frühphase noch aufzeigt, sehen die Marktexperten für die kommenden Jahre beträchtliches Markpotential, auch wenn die Vorhersagen erheblich voneinander abweichen: Nach einer Potentialanalyse, die das Beratungsunternehmen Mummert & Partner gemeinsam mit den Essener Zukunftsforschern der Firma Z_punkt durchführte, wird sich eLearning erst zwischen den Jahren 2004 und 2006 durchsetzen. Das Marktpotential für Europa wird bis 2004 auf 4 Mrd. US-$ veranschlagt. Berlecon Research, Berlin, erwartet für die kommenden Jahre ein Wachstum von ca. 50%. Bis 2005 werde in Deutschland ein Marktvolumen von 1,5 -2 Mrd. € erreicht.

Entscheidend für die erfolgreiche Expansion von eLearning ist nach Ansicht von Professor Mandl (Institut für Psychologische Pädagogik) die Entwicklung und Gestaltung einer neuen Lernkultur. Neue Technologjen könnten den Umbruch nur anstoßen. Zuallererst sei ein Wandel in den Köpfen notwendig.

Für die IfKom kann eLearning eine Möglichkeit sein, aktuelles Wissen dezentral zur Verfügung zu stellen. Die Konferenz hat aber gezeigt, daß zur Weiterbildung eine Betreuung unbedingt erforderlich ist und auch Präsenz- und eLearning-Phasen kombiniert werden sollten.

BJ

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